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Ari Lipinski – Artikel über Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungstag

 Jom Kippur Synagogen-Gebet    *     Schofar    *   Ari Lipinski nach Jom Kippur am Kotel   ב“ה

Siehe auch unter: Jüdische Feiertage erklärt von Ari Lipinski.

Jom Kippur bzw. Jom HaKippurim, der jüdische Versöhnungstag ist ein Feiertag aus der Thora. Im Unterschied zu vielen anderen wichtigen Feiertagen wurde er auch zur Tempelzeit und bis heute nur an einem Tag gefeiert. Andere Feiertage wie z. B. Rosch ha Schana, das Laubhüttenfest, das Pessach-Fest und das Wochenfest werden außerhalb des Landes Israel jeweils an zwei Tagen gefeiert. Im Volksmund gilt er als der höchste jüdische Feiertag. Eigentlich ist der Schabat (Samstag, Ruhetag) nach der Thora heiliger als Jom Kippur. Trotzdem ist Jom Kippur der einzige Fastentag, der wegen Schabat nicht terminlich verschoben wird. Jom Kippur findet am 10. des Monats Tischrei statt. Das Wort Kippur bedeutet Sühne (das Wort Kippurim ist eine hebräische Pluralform von Kippur). Markant für diesen hohen Feiertag sind das Fasten und das ganztägige Gebet. Es ist ein arbeitsfreier Tag, ein absoluter Ruhetag. Damit man sich auf das Gebet und auf die Sühnegedanken konzentrieren kann, haben die Gelehrten der Mischna 5 zentrale Verbote mit diesem Tag verbunden: Essen und Trinken, mit Öl verbundene Körperreinigung, das Tragen von Lederschuhen bzw. Sandalen und Geschlechtsverkehr.

Nach der Thora im Buche Exodus (Schemot) stieg Mose auf den Berge Sinai am 1. des Monats Elul, und verbrachte oben 40 Tage. Dann erhielt er zum zweiten Mal die zwei Tafeln der 10 Gebote und stieg vom Berge Sinai hinab. Damals hat Gott auf die Bitte von Mose den Kindern Israels die Sünde vom goldenen Kalb durch die Gabe der zweiten Ausgabe der Zwei Tafeln vergeben. Die Sünde des Volkes am goldenen Kalb führte zur Zerbrechung der ersten zwei Tafeln der 10 Gebote durch Mose nach seinem ersten Aufstieg zum Berge Sinai.

Die Thora-Quelle für den Versöhnungstag (Jom Kippur) finden wir in der Thora, im Buch Wajikra (3. Mose), Kap. 16, Vers 29, 30 und 31: „Und dies soll euch zur ewigen Satzung sein: im siebten Monat, am zehnten des Monats, sollt ihr eure Seelen kasteien und keinerlei Arbeit tun, der Eingeborene und der Fremdling, der in eurer Mitte weilt. Denn an diesem Tage wird man Sühnung für euch tun, um euch zu reinigen. von allen euren Sünden werdet ihr rein sein vor dem Ewigen. Ein Sabbat der Ruhe soll er euch sein, und ihr sollt eure Seelen kasteien, eine ewige Satzung.“. (Elberfelder Bibel-Übersetzung.)

Wie im Zusammenhang von Rosch HaSchana (dem jüdischen Neujahr) erklärt, dienen die 10 Tage vom Neujahr bis einschließlich Jom Kippur für die Bitte um Vergebung und für Sühne. Die 10 Tage heißen „Aseret Jemei Teschuwa“ (die 10 Tage der Sühne), oder auch „Hajamim ha noraim“ (die 10 Furcht erregenden Tage) genannt. Nach jüdischer Tradition befindet Gott in diesen Tagen über das Weiterleben der Menschen. Die erste Entscheidung findet am Rosch ha Schana (dem Neujahr) statt. Das Urteil wird am Ausgang des Jom Kippurs (des Versöhnungstages am 10. des Monats) besiegelt, und das Urteil wird am Ende des Laubhüttenfestes am Ausgang von Simchat Thora (die Freude der Thora) rechtskräftig. Während der Tempelzeit fand am Jom Kippur eine außergewöhnliche, einmalige Zeremonie statt: Für die Bitte um Vergebung und Sühne für das ganze Volk der Kinder Israels zu bitten, durfte der Hohe Priester (HaCohen ha Gadol) in das Allerheiligste (Kodesch haKodaschim), dem heiligsten Bereich des Tempels, eintreten. Der Eintritt in diesen Bereich war während aller anderen Tage des Jahres strikt verboten.

Eine weitere Besonderheit des Jom Kippur-Gottesdienstes im Tempel bestand darin, dass ein Stier und ein Widder geopfert wurden und ein Los zwischen zwei Ziegenböcken zwecks weiteren Opfers vorgenommen wurde. Der Widder diente dazu, Gott an seinen geliebten Knecht Abraham zu erinnern, und somit zugleich Gott an seine Versprechungen an Abraham ins Besondere nach der Bindung Isaaks zu erinnern. Auch das Schofar-Blasen am Jom Kippur (wie zu Rosch HaSchana) soll Gott an die unbedingte Treue Abrahams erinnern, da der Schofar aus dem Horn eines Widders deswegen gemacht wird.

Vor dem ganztägigen Fasten findet ein festliches Mahl statt, dass „Seuda Mafseket“ (die trennende Speise) genannt wird. Die aschkenasische Sitte (der Juden Zentraleuropas) kam u. a. dadurch zum Ausdruck, dass man bei dieser „Seuda Mafseket“ „Kreplach“ gegessen hat. Die Kreplach sind kleine Fleischbällchen in Teig gebacken. Das Fleisch steht symbolisch für Begierde und Sünde. Darum wird das Fleisch mit Teig umhüllt, um sinnbildlich die Sünden abschaffend weg zu decken. Diese Sitte drückt die Erkenntnis aus, dass man höchstwahrscheinlich nicht perfekt ist, und man Sünden abzulegen hat.

In den jüdischen Gemeinden Tunesiens pflegt man die Sitte, bei der Seuda Mafseket Quittenmarmelade (Ribat Chawuschim) zu essen. Marmelade steht symbolisch für die Versüßung und die Quitten für die Inhaftierten, weil auf Hebräisch „HeChawusch“ der Häftling bedeutet.

Das berühmteste Gebet von Jom Kippur heißt Kol Nidrei. Es bedeutet „alle meine Gelöbnisse“. Mit diesem Gebet, dass dreimal hintereinander zu Beginn des Jom Kippurs (also am Abend zwischen dem 9. und dem 10. des Monats Tischrei) laut in der Synagoge gesungen wird, beinhaltet eine öffentliche Aufkündigung aller Gelöbnisse, Versprechungen und Verpflichtungen, die eine Person im vergangenen Jahr eingegangen war. Der Sinn der öffentlichen Annullierung besteht darin, vor dem Ewigen und vor seinem Urteil symbolisch ohne uneingehaltenen Versprechungen und Verpflichtungen des vergangenen Jahres zu stehen. Im Laufe der Jahrhunderte hat man formelle rabbinische Vorschriften erlassen, um zu verhindern, dass Personen kurz vor dem Feiertag z. B. finanzielle Verpflichtungen bzw. Verträge eingehen, die dann auf Grund des Kol Nidrei Gebetes ihre Gültigkeit etwa verlieren würden.

Die besondere Melodie des Kol Nidrei Gebetes ist den meisten Juden Jahrhunderte lang bekannt gewesen. Mit dem Link können Sie zum wunderbaren YOUTUBE (überspringen Sie die Anfangs-Werbung) des Gebetes gesungen vom berühmten Kantor Naftali Herstik von der großen Synagoge Jerusalems mit „The Cantors“ gelangen. Die besondere Aufzeichnung stammt aus der großen Potugisischen Synagoge Amsterdams im Jahre 2012.

Am Jom Kippur wird aus der Thora ein feststehender Abschnitt, nämlich vom Wochenabschnitt „Achrei Mot“ gelesen. Dieser Abschnitt vom Buch Wajikra (3. Mose) von Kap. 16, Vers 1 bis Kap. 18, Vers 30 handelt u. a. von den Begebenheiten nach dem Tod der zwei Söhne Aarons, Nadaw und Avihu. Das bedeutet, dass am Jom Kippur ein inhaltlich für Sühne relevanter Text gelesen wird, und nicht der chronologisch anstehende vorletzte Wochenabschnitt aus dem 5. Buch Mose. Zusätzlich wird ein kurzer Abschnitt aus dem Buch „BaMidbar“ (4. Mose), dem sogenannten Wochenabschnitt Pinchas, gelesen. Gemeinsam für die beiden gelesenen Textabschnitte ist, dass sie vom zelotischen innersten Glauben der drei erwähnten Personen handeln. Den Prophetenzusatz (Haftara), den man nach der Thora-Lesung liest, entnimmt man vom großen Trostpropheten Jesaja aus Kap. 57, Verse 14 bis  Ende von Kap. 58. Der berühmte Vers 14 lautet „Und man wird sagen: Machet Bahn, machet Bahn; bereitet einen Weg, hebet aus dem Wege meines Volkes jeden Anstoß hinweg! Kap. 58 endet mit dem tröstenden Satz „Dann wirst du dich an dem Ewigen ergötzen, ich werde dich einher fahren lassen auf den Höhen der Erde, und werde dich speisen mit dem Erbteil Jakobs, deines Vaters; denn der Mund des Ewigen hat gesprochen“. (Elberfelder Bibel-Übersetzung) Nach der Thora-Lesung und der Haftara-Lesung wird das Gebet Jiskor zum Gedenken an die Seelen der verstorbenen Verwandte und an die Opfer der SHOA gesprochen. Es ist dabei eine Sitte, dass Personen, deren Eltern noch leben, während des Jiskor-Gebetes den Raum der Synagoge verlassen. Es ist ein Brauch, in diesem Zusammenhang vor bzw. nach Jom Kippur eine Spende für Zedaka (Wohltätigkeit) zu machen. Das Jiskor-Gebet wird außer am Jom Kippur auch am Schmini Azeret (am Ende des Sukkot-Festes, am 7. Tag des Pessach-Festes (eigentlich des Chag Hamazot, weil Pessach nur der erste Tag des Festes heißt), und am Schawuot-Wochenfest gesprochen.

Im Staat Israel wird Jom Kippur als staatlicher Feiertag eingehalten. Es bedeutet z. B. dass praktisch der gesamte öffentliche Verkehr an Straßen, Seehäfen und Flughäfen vollständig unterbrochen wird. Öffentliche Fernseh- und Radioanstalten unterbrechen ihre Sendungen. (Es sei denn, dass ein Kriegszustand ausbricht.) Es ist ein werkfreier Tag. Also sind alle öffentlichen Stellen und alle Schulen geschlossen. Praktisch sind fast alle Firmen und Geschäfte geschlossen landesweit geschlossen. Nichtjüdische Firmen (wie z.B. Restaurants in arabischen Ortschaften) sind davon nicht betroffen.

Interessanterweise bekunden ca. zwei Drittel der jüdischen Einwohner Israels laut wiederholten Umfragen, dass sie am Jom Kippur fasten, auch wenn nicht alle die fasten, auch zur Synagoge gehen. Ca. die Hälfte der Fastenden verstehen sich ansonsten als relativ säkular. Diese besondere statistische Beobachtung untermauert andere statistische Erhebungen, laut denen der allergrößte Teil (über 90 %) der jüdischen Bevölkerung religiös mit einem Rabbiner heiraten, und ihre Söhne traditionell nach 8 Tagen beschneiden lassen. Über drei Viertel der jüdischen Bevölkerung geben in solchen statistischen Umfragen an, dass sie mit ihrer Familie den traditionellen Seder-Abend (das Abendmahl, das zu Beginn des Pessach-Festes stattfindet) mit dem traditionellen Matze-Brot begehen. Ich erwähne diese statistischen Angaben, um die besondere Einstellung der überwiegenden Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in Israel zu beleuchten. Obwohl man im gewöhnlichen Tagesablauf während des Kalenderjahres den Eindruck gewinnen könnte, als wären die meisten jüdischen Israelis nicht religiös, lässt sich an einigen Eckpfeilern der biblischen Tradition zeigen, dass ein gewisses Maß an Religiosität gekoppelt mit einem hohen Stellenwert von zentralen Traditionen auch bei der sogenannten (sogar bei sich selbst oft als säkular bezeichnenden Bevölkerung) klar zu erkennen ist. Im Übrigen pflegte der erste aschkenasische Oberrabbiner des Landes Israels in der modernen Zeit, Rabbiner Abraham Jitzchak Ha Cohen Kuk (1865 – 1935) zu sagen, dass laut der Thora alle Kinder Israels zum heiligen Volk Israel gehörten. Von daher steckt auch in den Juden ein Funke Religiosität, die sich selbst als säkular bezeichnen. Bei Juden, die im Lande Israel leben, gelte es laut Rab. Kuk umso mehr, weil bereits durch ihr Leben im Lande Israel sie eines der wichtigsten Gebote der Thora erfüllen.

Zu den besonderen Bräuchen vor dem Jom Kippur gehört u. a. (wie auch seit dem Neujahr, dem Rosch HaSchana), dass

sich Personen einander mit dem Wunsch für ein gutes Jahr (Schana Towa) begrüßen. Viele pflegen auch, sich bei anderen Menschen für eventuelle Verletzungen, Beleidigungen oder Vergehen zu entschuldigen. Es gilt der traditionelle Grundsatz, dass für zwischenmenschliche Vergehen die Menschen sich direkt bei ihren Mitmenschen zu entschuldigen haben. Dafür kann man nicht, nur bei Gott um Vergebung bitten. Die Thora unterscheidet zwischen Vergehen gegenüber göttliche Gebote und Verbote und zwischen Vergehen im zwischenmenschlichen Bereich.

Ein weiterer sehr bekannter Brauch heißt „Kaparot„. Es geht um eine moderne Form des Opfer-Ersatzes, der daran erinnern soll, wie zur Tempelzeit durch die sühnende Opferung des Ziegenbocks (des Sündenbocks, „Seir laAzazel„) man um Vergebung der Sünden gebeten hat. Manche opfern dazu einen Hahn, den man vor seiner Schlachtung um den eigenen Kopf dreht, wobei man um sein Leben und um Frieden bittet. Dieser Hahn geht nach seiner Schlachtung als eine Spende an die Armen. Andere Personen setzen die Tradition ohne einen Hahn um. Stattdessen drehen sie einen Umschlag mit einer Spende für die Armen um den Kopf. Die Hauptsache dieser Sitte besteht darin, dass man sich durch eine gute Tat (in Form einer Spende an die Armen) für seine eigenen Fehler entschuldigen möchte.

Machzor: Heutzutage nennt man Machzor das Gebetbuch zu den Hohen Feiertagen Rosch HaSchana (Neujahr), Jom Kippur (Versöhnungstag), Sukkot (Laubhüttenfest), Pessach (Gedenken des Auszugs aus Ägypten) und Schawuot (das Wochenfest). Das Wort Machzor bedeutet auf Hebräisch ‚Turnus‘. Denn ursprünglich war das Machzor-Gebetsbuch die Kollektion der Gebete des ganzen Jahresablaufes. Das Machzor-Buch diente zuerst vor allem den Vorbetern, den Kantoren (Chasan חזן, Chasanim חזנים). Erst nach der Verbreitung der gedruckten Ausgaben ist der Machzor zum Gebetsbuch aller geworden. In der Berechnung der zyklischen Turni im Mond-Kalender sind auch Zyklen von drei Jahren und von 28 Jahren bedeutend. Diese haben auch zur Wahl des Begriffs Machzor beigetragen. Den Begriff findet man bereits in der Mishna im Zusatz zum Traktat Joma, Kap. 54. Es gibt handschriftliche Machzor-Ausgaben z.B. aus Worms vom Jahr 1272 und aus Nürnberg vom Jahr 1331. Als erste Druckausgabe ist der Machzor von Rom vom Jahr 1485-6 bekannt. – Bei meiner Recherche bediente ich mich auch den zuverlässigen Angaben des großen Gebete-Forschers Abraham Meir Habermann (1901-1980).

Das vom Machzor getrennte Gebetsbuch für den Alltag und Schabbat (Samstag) heißt Sidur סידור (Die Ordnung, Das Geordnete).

Wie Rabbiner David Zwi Hoffmann aufzeigte, sind die Feiertage des Rosch HaSchana und Jom Kippur im Zusammenhang der Thora-Konzeption rund um die Zahl 7 zu verstehen. Die Zahl 7 ist seit der Schöpfungsgeschichte von prägender Bedeutung.

Der siebte Tag der Woche, der Schabbat שבת, erinnert an die Schöpfung durch Gott.

Das Schemita-Jahr שנת שמיטה, das siebte Jahr, ist das Ruhejahr des Bodens im Lande Israel. Rosch HaSchana ist sowohl der Anfang eines Jahres, als auch der Anfang der Berechnung der sieben Jahre der Schemita. Das siebte Jahr, das Schemita-Jahr erinnert daran, dass das Land dem Ewigen gehört.

Das Jubel-Jahr, (Schenat Jowel יובל), das 50. Jahr, wird als das fünfzigste Jahr berechnet, nachdem man 7 Mal ein Schemita-Jahr zählt. An dem Jubel-Jahr, dem Jowel, werden die Besitz-Verhältnisse des Bodens wiederhergestellt, um an die Unterordnung vor Gott zu erinnern.

Die Zahl 7 ist auch kennzeichnend für die Dauer wichtiger biblischer Feiertage: Pessach (genauer gesagt Chag HaMazzot) dauert 7 Tage. Sukkot, das Laubhüttenfest, dauert 7 Tage. Das Wochenfest Schawuot findet am Ende der Zählung von sieben Wochen des Omers (Sefirat haOmer ספירת העומר) statt.

Die Feiertage des Jahresanfangs (Rosch HaSchana, Jom Kippur und Sukkot) finden im siebten Monat, Tischrei, statt, da der Monat Nissan, an dem Pessach gefeiert wird, als Jahresanfang galt.

Sukkot, das Laubhüttenfest, findet genau 7 Monate nach Pessach statt.

Und ferner sind es sieben Tage, an denen (in Jerusalem) die Ruhe von Arbeit (Werkfreiheit) gilt: 2 Tage an Pessach, 1 Tag an Schawuot, 1 Tag an Rosch HaSchana, 1 Tag Jom Kippur, 1 Tag Sukot und 1 Tag Schemini Azeret am Ende von Sukkot. Zusammen: 7.

Nachtrag zu Jom Kippur –

Ein Beispiel zwischenmenschlicher Versöhnung und Demut vor dem Schöpfer.

In Israel ist seit 1973 der Jom Kippur (der Versöhnungstag) unzertrennlich mit der Erinnerung an den Ausbruch des Jom Kippur Krieges (Oktoberkrieges) von 1973 verbunden. Ich gehörte zu den Tausenden israelischen Soldaten, die zu Hause mit der Familie (ich mit meinen Eltern) gerade bei dem Festmahl vor Beginn des Fastentages, also bei der „Arucha Mafseket“ gesessen waren, als plötzlich die Meldung vom Militär kam, dass man sofort und dringend zu seiner Einheit zurückkehren müsse. Syrien und Ägypten haben damals kurz vor Anfang des höchsten jüdischen Feiertages Israel gleichzeitig von Norden und von Süden überraschend mit großen Militärmassen überfallen. In diesem ca. dreiwöchigen Krieg, der am 5. Oktober begann, sind über 2.500 israelische Soldaten bei der Verteidigung der Zivilbevölkerung Israels gefallen. Was z. B. die Syrer mit der jüdischen Bevölkerung des Norden Israels hätten (Gott bewahre) anrichten können, lässt sich heutzutage (September 2014) exemplarisch am furchtbaren Gemetzel in Syrien und dem Irak deutlich vorstellen. Auch ich verlor Schulkameraden in diesem Krieg. Der Krieg endete trotz des Überraschungsvorteils und trotz der großen militärischen zahlenmäßigen Überlegenheit der arabischen Armeen von Syrien, Ägypten und dem Irak doch mit einem israelischen Militärsieg. Dieser drückte sich darin aus, dass Israel bis 40 km vor Damaskus und bis 101 km vor Kairo zurückschlagen konnte. Ägypten verlor im Krieg über 15.500 Soldaten und Syrien über 4.000.

Als Ägyptens Präsident Anwar Sadat am 20. November 1977 im israelischen Parlament, in der Knesset, in Israels Hauptstadt Jerusalem seinen sensationellen Friedensaufruf „No more war! No more bloodshed!“ öffentlich aussprach, haben die meisten Israelis ihm den Angriff von Oktober 1973 praktisch vergeben, und ihn mit Begeisterung in Israel begrüßt. Nach seiner historischen Rede in der Knesset und der Umarmung mit dem gastgebenden damals amtierenden israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin, kam es zu einer sehr bewegenden Begegnung zwischen Präsident Anwar Sadat und der ehemaligen israelischen Ministerpräsidentin während des Oktoberkrieges

1973, Golda Meir. Da es kurz nach der Versöhnungszeit von Jom Kippur (also dem Versöhnungstag) war, fragte ein Journalist spontan Frau Golda Meir, ob sie denn nun Präsident Sadat den Angriff von 1973 verzeihe. Alle Anwesenden und die Millionen Zuschauer am TV-Bildschirm bei der Live-Übertragung waren gespannt, zu hören, wie Golda Meir reagieren würde. Es sollte doch nicht zu einem Eklat kommen, nachdem der Gast mit einem derartigen Friedensangebot nach Jerusalem gekommen war. Frau Meir antwortete „Ich verzeihe ihm alles, außer, dass er unsere Jungs gezwungen hatte, auf seine Jungs zu schießen“. Sadat lächelte dankbar, reichte ihr seine Hand und gab ihr das große arabische Kompliment für Weisheit mit den Worten „The old lady!“.  Im Orient galt damals noch hohes Alter als Synonym für Weisheit.

Wir, die sowohl den Jom Kippur Krieg 1973 als auch den Besuch Sadats im November 1977 erlebten, waren sehr dankbar, diesen Moment und den darauf folgenden Abschluss des Friedensvertrages zwischen Israel und Ägypten am 24. März 1978 in Camp David in den USA miterlebt haben zu können. Es war eine große Illustration und Manifestation davon, dass Menschen, die vergeben können, auch den Frieden erreichen können. 

Viele Beobachter der Friedensverhandlungen zwischen Ägypten und Israel haben die Meinung geteilt, dass die Tatsache, dass Präsident Sadat ein gläubiger Moslem war, Ministerpräsident Begin ein gläubiger Jude war, und der US-Präsident Jimmi Carter ein gläubiger Christ war, den drei Staatsmännern die nötige Demut mit auf den Weg der Verhandlungen gegeben hatte.

Diese Demut vor dem Schöpfer ist auch einer der Kerngedanken des Jom Kippurs.  

 

Hier ein Foto von Ari Lipinski nach Jom Kippur am Kotel (Klagemauer) mit den Tefilin (Gebetsriemen.)

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