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Rosch HaSchana – Das juedische Neujahr, Ursprung, Braeuche, Gebete

ב“ה Rosch HaSchana – ראש השנה Das jüdische Neujahr.

Siehe auch unter Jüdische Feiertage erklärt von Ari Lipinski.   (Folgender Text ist unter Copyright Ari Lipinski, da es aus dem Bibel-Kommentar-Buch von Ari Lipinski entnommen ist, das in Vorbereitung ist.) Das jüdische Neujahr heißt auf Hebräisch Rosch ha Schana. Der Name bedeutet: der Kopf, der Sinn und auch der Anfang des Jahres. Anfang würde „Reschit“ und nicht Rosch heißen. Denken Sie an den Anfang der Bibel „Am Anfang“ heißt auf Hebräisch „Bereschit“. Der Neujahrstag wird auch Jom Kesse יום כסה genannt, weil an diesem Tag der Mond vollständig verdeckt ist. Siehe Psalm 81, Vers 4. Mit dem Neujahr beginnt der jüdische Monat Tischrei תשרי. Tischrei bedeutet in Babylonisch Anfang, also der Monat, mit dem das Jahr beginnt. Dieser Monat war zur Thora-Zeit eigentlich der siebte Monat, weil der Monat Nissan ניסן (Beginn des Frühlings) der erste Monat war. Z.B. fand der Auszug aus Ägypten im Monat Nissan statt. Damals hatte der Anfang eine doppelte Bedeutung…

Mit Rosch HaSchana fängt die kalendarische Zählung nicht nur eines Jahres, sondern der Termin dient auch zur Berechnung des Schemita-Jahres (שנת שמיטה das siebte Jahr, das dem Boden im Lande Israel als Ruhe-Jahr dient) und des Jowel-Jahres (שנת יובל des Jubel-Jahres) nach sieben Mal Schemita-Jahr, das 50. Jahr. Rosch HaSchana steht auch für den Anfang der Berechnung des Gemüse-Anbaus, um die Steuer des Zehntels periodisch zu berechnen. (Siehe unten: die Termine für das Neujahr der Bäume im Winter, da der Ertrag des Obstes terminlich anders als der des Gemüseanbaus berechnet wird.) Den Rosch haSchana feiert man heutzutage zwei Tage lang. Zur Tempelzeit genügte ein Tag für die Bewohner Jerusalems. Außerhalb Jerusalems und vor allem außerhalb des Landes Israel hat man zwei Tage gefeiert, weil man auf den Boten hat warten müssen, der das genaue Datum aus Jerusalem übermittelt hatte. Das jüdische Jahr basiert auf dem Zyklus der Mond-Monate. Der heutige feststehende jüdische Kalender wurde von Rabbiner Hillel, dem Präsidenten der Sanhedrin, ca. im Jahre 359 nach der Zeitrechnung festgelegt.

Der Ursprung von Rosch haSchana wird von den zwei folgenden Thorastellen abgeleitet, obwohl dort die Bezeichnung nicht „Neujahr“ lautet, sondern Tag des Schofar[1]-Halls (Posaunenhalls bedeutet Schofar-Blasens) genannt wird. Die Stellen sind 3. Mose (Wajikra ויקרא), Kap. 23, Verse 23 bis 25: „Und der Ewige redete zu Mose und sprach: Rede zu den Kindern Israel und sprich: im siebten Monat, am ersten des Monats soll euch Ruhe sein, ein Gedächtnis des Posaunenhalls, eine heilige Versammlung. Keinerlei Dienstarbeit sollt ihr tun, und ihr sollt dem Ewigen ein Feueropfer darbringen“. Der Begriff „Euch Ruhe sein, ein Gedächtnis des Posaunenhalls“ (Elberfelder) heißt auf Hebräisch „Schabaton Sichron Truah“ שבתון זכרון תרועה. Im 4. Mose (BaMidbar במדבר), Kap. 29, Verse 1 bis 6 ist ein zweiter Verweis auf diesen Feiertag: „Keinerlei Dienstarbeit sollt ihr tun. Ein Tag des Posaunenhalls soll es euch sein. In diesen ersten Versen des 4. Mose, Kap. 29 wird der Widder namentlich als eines der Opfertiere aufgeführt, „um Sühnung für euch zu tun“ (4. Mose, Kap. 29, Vers 5).

 

 

Das hebräische Wort Schofar[1] stammt aus der Verb-Wurzel leschaper לשפר, das „zu verbessern“ bedeutet. Der Klang des Schofar-Blasens ist der Aufruf, sich im Sinne Abrahams zu verbessern. Der Charakter des jüdischen Neujahrs wird symbolisch durch das Schofar-Blasen deutlich. Das Begehen des Neujahrs mit dem Schofar-Blasen ist eine Verkündigung, dass der Gläubige Gott als König der Welt anerkennt.

Der Rosch haSchana (das jüdische Neujahr) ist nach einer Tradition des Talmuds auch eine Erinnerung an die Erschaffung Adams durch Gott. Die jüdische Tradition sieht die ersten 10 Tage des neuen Jahres als Entscheidungstage, in denen der Ewige über die Menschen richtet. Die traditionelle Auffassung, die die Rabbiner nach der Tempelzeit abgeleitet hatten, besagt, dass am Rosch haSchana Gott die Entscheidung über das Weiterleben jedes einzelnen Menschen entscheidet. Das Urteil wird, so die jüdische Tradition, am Ende des 10. Tages, der Yom Kipur (der Versöhnungstag) heißt, besiegelt, und das Urteil wird am Ende des Laubhüttenfestes am Ausgang von Simchat Thora (die Freude der Thora) rechtskräftig. Diese rabbinische Interpretation[2] basiert auf dem Psalm 33, Verse 13 bis 15 „Der Ewige blickt von den Himmeln herab, er sieht alle Menschenkinder. Von der Stätte seiner Wohnung schaut er auf alle Bewohner der Erde. Er, der da bildet ihr Herz allesamt, der da merkt auf alle ihre Werke.“ (Elberfelder). Die 10 Tage zwischen dem Neujahr (Rosch HaSchana) und dem Ende des Versöhnungstages (Jom Kippur) werden als die 10 Tage der Sühne (Aseret Jemei Teshuwa עשרת ימי תשובה) genannt, in denen man verstärkt um Sühne der Vergehen des vergangenen Jahres bemüht ist.

Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, dass sich die Juden vor und zu diesen Feiertagen ein gutes Jahr wünschen, in dem sie den Spruch zitieren: „LeSchana Tova Tekatevu ve Techatemu“. Auf Deutsch: „Möget ihr für ein gutes Jahr eingeschrieben und besiegelt werden“.

Das wohl bekannteste Gebet des Neujahres in den Gemeinden des Aschkenas (Deutschland, Italien, Mittel-Europa) heißt Unetane Tokef (ונתנה תוקף). Die Worte bedeuten: Und man erkenne die Gültigkeit (der Gerichtsbarkeit Gottes) an.  Das aus dem 12. Jhd. stammende Gebet wird dem Mainzer Rabbiner Amnon zugeordnet. Das Gebet wird zum Abschluss des Morgengebets (Mussaf מוסף) an den zwei Neujahrstagen und am Jom Kippur gesprochen bzw. gesungen. Der Gläubige erkennt die Hoheit und Gerichtsbarkeit Gottes an. Darin wird die Nichtigkeit des Menschen in Relation zu Gott und die daraus folgende Ehrfurcht vor Gott literarisch, reich an Reimen und gut zum Gesang geeignet zum Ausdruck gebracht. Der Text erzählt vom Ablauf der Entscheidungsfindung vom Neujahr bis zum Urteil am Jom Kippur (dem Versöhnungstag). Das Gebet endet mit der Erwähnung der Serafim, der heiligen, Gott nahe stehende Engel in Anflehung um die Gnade Gottes. Anbei ein Link zum Youtube des Gebets, gesungen vom weltbekannten israelischen Oprern-Sängers und Kantors Dudu Fisher http://www.youtube.com/watch?v=kmsWmvILKHM .

Zu den Traditionen des Feiertags gehört der Brauch des „Taschlich“ (Abschütteln). Am Nachmittag im Anschluss an das Mincha-Gebet (Mittagsgebet) am ersten Tag des Neujahrs pflegt man, zum Ufer einer fließenden Wasserquelle (z. B. an ein naheliegendes Ufer eines Baches, eines Flusses, eines Teiches oder an ein naheliegendes Meeresufer) zu gehen, um dort alle Kleidungstaschen gründlich leer zu schütteln. Damit sollen symbolisch unsere Sünden zu Beginn eines neuen Jahres weggeworfen werden, damit wir sozusagen mit einem reinen Gewissen vor dem Ewigen vor seinem Urteil antreten. Diese Sitte hat ihren Ursprung im Buch des Propheten Micha, Kap. 7, Vers 19, in dem steht: „Du wirst all unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ (Elberfelder).

Weitere berühmte Bräuche des Rosch HaSchana-Festes sind: man schenkt einander und man speist selber mit Apfel und Honig. Damit drückt man den Wunsch nach einem guten, fruchtbaren und süßen Jahr aus. Viele pflegen für die Festspeise eine Nachspeise in Form eines Honigkuchens anzubieten. Ferner gehört der Granatapfel zur Symbolik des Festes dazu. Man wünscht sich mit dem Granatapfel ein gesegnetes Jahr, voller guter Taten, Erfüllung vieler Gebote, so viele wie die Vielzahl der süßen Körner der Frucht des Granatapfels. Auch Datteln sollen an Honig und ein süßes Jahr erinnern, da der honigfarbene Saft der Dattelpalmen den Kundschaftern der Kinder Israels den Eindruck verliehen hatte, dass dort Honig floss. (Jeweils Photo durch Anklicken vergrößern, möglich.)

Jüdischen Gemeinden in verschiedenen Ländern der Diaspora haben weitere Traditionen seit der Talmudzeit entwickelt. So werden gute Wünsche für das neue Jahr mit der Speise von Kürbis bzw. Zucchini, der Speise von Rubia (einer Bohnenart) sowie von Rote Beete, Spinat und Mangoldblätter symbolisch verbunden. In Aschkenas (Deutschland bzw. Zentraleuropa) pflegte man, in den letzten Jahrhunderten in runde Scheiben geschnittene, gekochte Möhren mit Zimt mit dem Wunsch nach einem guten und beruflich erfolgreichen Jahr zu verbinden. Daher nennt man die Speise der wie Goldmünzen aussehenden Möhrenstücke auf Jiddisch „Zimmes“. Jahrhunderte lang pflegen viele Gemeinden auch, den Kopf eines Fisches in der Festspeise zu haben. Der Fischkopf symbolisiert den Wunsch, in der Gesellschaft eine denkende, mitführende Rolle zu erfüllen.

Im Judentum leitete man also den Frühlings-Monat Nissan von der Thora als ersten Monat des Jahres für die Berechnung der Opfer-Darbringung ab. (Siehe die Geschichte des Exodus aus Ägypten und des Pessach-Opfers.) Wir haben den Rosch ha Schana, den Anfang des Herbst-Monats Tischrei, mit dem das jüdische Kalenderjahr beginnt. Wir bezeichnen den 15. des Monats Schwat (Tu BiSchwat am Ende des Winters im Lande Israel) als das Neujahr der Bäume. Tu BiSchwat diente zur Berechnung des Zehntels als Steuer von den Erstlingen der Obstbäume, da in dem Monat Schwat die ersten Obst-Knospen zu sehen waren.  Und im Frühjahr ist ein weiteres Neujahr, das biblisch lange zur Berechnung der Amtszeit von Königen gedient hat.

Machzor מחזור: Heutzutage nennt man Machzor das Gebetbuch zu den Hohen Feiertagen Rosch HaSchana (Neujahr), Jom Kippur (Versöhnungstag), Sukkot (Laubhüttenfest), Pessach (Gedenken des Auszugs aus Ägypten) und Schawuot (das Wochenfest). Das Wort Machzor bedeutet auf Hebräisch ‚Turnus‘. Denn ursprünglich war das Machzor-Gebetsbuch die Kollektion der Gebete des ganzen Jahresablaufes. Das Machzor-Buch diente zuerst vor allem den Vorbetern, den Kantoren (Chasan חזן, Chasanim חזנים). Erst nach der Verbreitung der gedruckten Ausgaben ist der Machzor zum Gebetsbuch aller geworden. In der Berechnung der zyklischen Turni im Mond-Kalender sind auch Zyklen von drei Jahren und von 28 Jahren bedeutend. Diese haben auch zur Wahl des Begriffs Machzor beigetragen. Den Begriff findet man bereits in der Mishna im Zusatz zum Traktat Joma, Kap. 54. Es gibt handschriftliche Machzor-Ausgaben z.B. aus Worms aus dem Jahr 1272 und aus Nürnberg vom Jahr 1331. Als erste Druckausgabe ist der Machzor von Rom vom Jahr 1485-6 bekannt. – Bei meiner Recherche bediente ich mich auch den zuverlässigen Angaben des großen Gebete-Forschers Abraham Meir Habermann (1901-1980).

Das vom Machzor getrennte Gebetsbuch für den Alltag und Schabbat (Samstag) heißt Sidur סידור (Die Ordnung, Das Geordnete).

Fußnoten:

[1]Schofar ist ein Horn des Widders, mit dem laut geblasen wird. Der besondere Sinn davon

 

besteht darin, dass man den Ewigen an die uneingeschränkte Glaubenseinstellung und an das Gottesvertrauen Abrahams erinnern möchte, wie er dies bei der Bindung seines Sohnes Isaaks bewiesen hat. Damals (siehe 1. Mose, Kap. 22) ist ein Widder dem Abraham erschienen, der als Opfer anstatt Isaak diente. Damit war ein Zeichen Gottes deutlich, dass Kinderopfer unerwünscht seien. Abraham bestand damit eine seiner 10 Glaubensprüfungen. Abraham hat seine Bereitschaft, Isaak zu opfern, gezeigt, vertraute aber fest darauf, dass der Ewige doch sein Versprechen halten würde, dass aus Isaak ein großes Volk werden würde.

[2]Die rabbinische Interpretation lässt sich in der Mischna, Traktat Rosch ha Schana (Neujahr) Kap. 1, Absatz 2 sowie im Talmud, im Buch Tossefta, im Traktat Rosch ha Schana nachlesen. Dort steht, dass alle am Rosch ha Schana ein Urteil bekommen, und dieser am Yom Kipur besiegelt werde.

Wie Rabbiner David Zwi Hoffmann aufzeigte, sind die Feiertage des Rosch HaSchana und Jom Kippur im Zusammenhang der Thora-Konzeption rund um die Zahl 7 zu verstehen. Die Zahl 7 ist seit der Schöpfungsgeschichte von prägender Bedeutung.

Der siebte Tag der Woche, der Schabbat שבת, erinnert an die Schöpfung durch Gott.

Das Schemita-Jahr שנת שמיטה, das siebte Jahr, ist das Ruhejahr des Bodens im Lande Israel. Rosch HaSchana ist sowohl der Anfang eines Jahres, als auch der Anfang der Berechnung der sieben Jahre der Schemita. Das siebte Jahr, das Schemita-Jahr erinnert daran, dass das Land dem Ewigen gehört.

Das Jubel-Jahr, (Schenat Jowel יובל), das 50. Jahr, wird als das fünfzigste Jahr berechnet, nachdem man 7 Mal ein Schemita-Jahr zählt. An dem Jubel-Jahr, dem Jowel, werden die Besitz-Verhältnisse des Bodens wiederhergestellt, um an die Unterordnung vor Gott zu erinnern.

Die Zahl 7 ist auch kennzeichnend für die Dauer wichtiger biblischer Feiertage:

Pessach (genauer gesagt Chag HaMazzot) dauert 7 Tage.

Sukkot, das Laubhüttenfest, dauert 7 Tage.

Das Wochenfest Schawuot findet am Ende der Zählung von sieben Wochen des Omers (Sefirat haOmer ספירת העומר) statt.

Die Feiertage des Jahresanfangs (Rosch HaSchanaJom Kippur und Sukkot) finden im siebten Monat, Tischrei, statt, da der Monat Nissan, an dem Pessach gefeiert wird, als Jahresanfang galt.

Sukkot, das Laubhüttenfest, findet genau 7 Monate nach Pessach statt.

Und ferner sind es sieben Tage, an denen (in Jerusalem) die Ruhe von Arbeit (Werkfreiheit) gilt: 2 Tage an Pessach, 1 Tag an Schawuot, 1 Tag an Rosch HaSchana, 1 Tag Jom Kippur, 1 Tag Sukot und 1 Tag Schemini Azeret am Ende von Sukkot. Zusammen: 7.

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